ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
Im Brandenburgischen Landesmuseum

Die identitätsstiftende Kraft der DDR-Architektur

Horst Ring (l.) neben Martin Maleschka vor Rings Mosaik aus dem Jahr 1985, das von Maleschka wiederentdeckt wurde. FOTO: LR / Christina Wessel

Cottbus. Martin Maleschka spricht im Cottbuser Dieselkraftwerk über sein Buch „Baubezogene Kunst in der DDR“ und seine mühsame Suche.

Kunstschätze findet Martin Maleschka hinter Rigipswänden, in der 37. Etage eines Hochhauses oder in einer Gärtnerei. Ohne den 36-Jährigen wären diese Arbeiten vergessen, verschollen und versteckt. Mit seinem Buch „Baubezogene Kunst in der DDR“ verhilft er diesen einst ortsbestimmenden oder zumindest -prägenden Werken zu ihrem Comeback. Im Cottbuser Dieselkraftwerk nahm er die Besucher jetzt auf seine mühsame Suche nach der verborgenen Kunst mit.

Alles begann im Gefängnis. Dort entschied sich Maleschka für einen radikalen Wandel in seinem Leben. Zuvor hatte er Wände, Züge und Busse besprüht. Illegal. Seine Graffiti waren abstrakt. Gelegentlich sprühte er Schriftzüge auf die öffentlichen Flächen. Bis er 2003 erwischt wurde. Eine Nacht lang saß er in einer Zelle. Die Großeltern zahlten. Es waren mehrere Tausend Euro. Eine heil­same Strafe, denn sie führte den jungen Straßenkünstler an jene Orte, an denen die Künstler ihre Arbeiten ebenfalls auf der Straße an Häuserwänden, in Foyers und Fenstern ausstellen. Einziger Unterschied: Es handelt sich um legale, oftmals subventionierte Werke der DDR. Nach der Wende verschwanden bei Sanierungen oder Abrissarbeiten ganze Ensembles oder Einzelteile. Wieder waren es biografische Aspekte, die Maleschkas Recherche motivierten. In seiner Heimat Eisenhüttenstadt rissen Arbeiter zwischen 2003 und 2005 jenen Wohnkomplex ab, in dem der 36-Jährige seine Kindheit verbracht hatte. Dort waren es Motive aus Keramikfliesen: ein Schwan, ein Fisch und eine Ente. Sie gaben dem jungen Maleschka die Orientierung in seiner Umgebung. „Insofern hat sie auch eine identitätsstiftende Kraft.“

Umso schmerzhafter sei die Suche nach den vergessenen Werken verlaufen. Hinter einer Rigipswand versteckt schlummerte etwa das gigantische Wandbild von Gertraude Pohl. Sie hatte es 1973 für das Interhotel Stadt Berlin entworfen. Eine Vorzeigeunterkunft mit rund 1000 Zimmern am Alexanderplatz. Das Werk – zehn mal drei Meter aus Keramik und Glas auf Stahl – hing senkrecht im Roten Salon, einer Art Nachtclub für die Gäste, der sich im 37. Stock des Gebäudes befand. Es war ein prominenter Ort für ein riesiges Kunstwerk. Nach der Wende zog ein Spielcasino ein, und das Mosaik verschwand hinter der Wand, bis eine Renovierung des Stockwerks die vergessene Kunst zutage förderte. Bauarbeiter informierten den Hoteldirektor, der sich auf die Suche nach der Herkunft des Fundstücks machte. Dabei traf er auf Maleschka, der einen Hinweis geben konnte. Überraschend war diese Entdeckung nicht nur für ihn und die Hotelmitarbeiter. Die Künstlerin selbst hatte das Mosaik vergessen. Dabei habe sie Maleschka gegenüber fast liebevoll von ihren Werken gesprochen. „Sie bezeichnete ihre Arbeiten als ,ihre Kinder‘ und war fast erschüttert, dass sie diese aus der Erinnerung verloren hatte.“ Sie reinigte und restaurierte das Mosaik. Heute ist es wieder im Foyer des Hotels, das jetzt den Namen „Park Inn“ trägt, zu sehen.

top