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Lesung

Verlorenes und Verschollenes im Setzkasten

Die 38-jährige Schriftstellerin Judith Schalansky während der Lesung im Burger Hotel Bleiche. FOTO: Peter Becker

Burg . Die Preisträgerin des Spreewald-Literatur-Stipendiums, Judith Schalansky, gibt in Burg Einblicke in ihr Buch, das Verluste verzeichnet.

Hier handelt es sich nicht einfach um ein Buch. Es ist ein Setzkasten aus Wunderkammern. So stellt Judith Schalansky ihr doch sehr besonders geordnetes und ummanteltes „Verzeichnis einiger Verluste“ vor, das sie am Mittwochabend im Burger Hotel Bleiche aufblättert. Nun, eigentlich liest sie nicht nur daraus. Sie holt aus den Kammern Verlorenes und Verschollenes hervor. „Ein Buch, das in aller Munde ist“, wie Birgit Holler neugierig macht bei der Vorstellung der Spreewald-Literatur-Stipendiatin, die für vier Wochen im Burger Hotel Bleiche Inspiration und Kraft für neue literarische Projekte schöpft. „Das Buch, das mich fünf Jahre brutto beschäftigt hat, ist aus der vergangenen Saison. Ich freue mich über die breite Aufmerksamkeit der Kritiker, nun geht es daran, bei den Lesungen zu bestehen“, sagt die 38-jährige Schriftstellerin, die in Greifswald geboren wurde.

Kein Aufhebens macht sie darum, dass sie als „Grenzgängerin zwischen Natur und Poesie, zwischen Wissenswelten und Fantasiereichen, zwischen Zählen und Erzählen“ für dieses außergewöhnliche Verzeichnis mit dem „Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2018“ ausgezeichnet wurde. Und auch während dieser dritten Lesung, die sie als Gast im Hotel Bleiche hält, wird sehr schnell das Wundersame dieses Buches spürbar: „Es hat nicht nur keine Gattungsbezeichnung, es bietet eher eine ganz neue Gattung an: die poetische Archivierung der verschwundenen Dinge, die auf diese Weise eine Wiederauferstehung in der Verwandlung erfahren – als literarische Erzählung“, urteilte die Preisjury.

Und so tauchen auch die Zuhörer in Burg ein in das, was übrig bleibt, wenn etwas verlustig geht, wenn Kultur- und Naturgegenstände verschwinden. Oder eben der „Kaspische Tiger“, dem die Autorin eine eigene Wunderkammer einrichtet. Zu jeder dieser Kammern findet sie eine komplett eigene Sprache. Von archaischem Pathos ist sie während der Beschreibung, wie Raubtiere aufeinander gehetzt wurden. In antiken Quellen hat sie dafür recherchiert, Christa Wolfs „Kassandra“ noch einmal hervorgeholt. Von ganz anderer Tonlage ist ihr Nachruf auf den Palast der Republik, der auch mit dem Verlust der Liebe ihrer Eltern zu tun hat. Und ihr Monolog der alternden Greta Garbo wimmelt nur so von ausgestorbenen Schimpfwörtern, die sie in alten Wörterbüchern ausgegraben hat... Und es gelingt ihr, auf wundersame Weise, das Beschwiegene, die Lücken, gegenwärtig zu machen, das Große mit dem Privaten zu verbinden, das Wie des Erzählens zum Komplizen werden zu lassen.

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