ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Die Orgel muss klingen, damit die Sonne aufgeht

Vetschau.. Für einen achtjährigen Klavierschüler, der mit seinen Eltern im Spreewald Urlaub machte, war es vielleicht das beeindruckendste Erlebnis: Er durfte sich an die Kaltschmidt-Orgel in der Wendischen Kirche in Vetschau setzen und ihr die wunderbaren Töne entlocken, die erst vor zwei Jahren wieder hörbar wurden. Im Herbst 1976 verstummte die schöne Orgel für Jahrzehnte. Am Tag des offenen Denkmals nun, am 12. September, wird sie um 19 Uhr im Mittelpunkt stehen. Jürgen Schlag und Kantorin Susanne Drogan werden sie vorstellen, auch klingenderweise. Und würde Fontane noch leben, er hätte ganz sicher seine Freude daran. An den Spreewald-Reisenden vor über 150 Jahren wird statt dessen das Berliner Theater im Palais mit einem Gastspiel in der Wendischen Kirche erinnern.

„Seine Turnschuh waren viel zu breit, um die Pedalen der Kirchenorgel mit dem rechten Gefühl zu bedienen, doch der Kleine war glücklich, diese wunderschöne Orgel spielen zu dürfen“ , erinnert sich Gunda Schlag an den Besuch des achtjährigen Klavierschülers mit seinen Eltern hier in der Wendischen Kirche. So kommen sie und ihr Orgel-besessener Ehemann Jürgen Schlag manchmal kaum zum Arbeiten. „Wir müssen viel erzählen von der Kirche, über die Kaltschmidt-Orgel, von denen es gar nicht so viele gibt“ , erzählt der freundliche Berliner. „Oft bleibt dann doch ein Euro in der Pfeife am Kircheneingang hängen, weil die Leute die Sanierung der Orgel unterstützen wollen.“ Einer von ihnen ist Geschäftsmann Wolf-Dieter Bülow aus Vetschau. „Herr Schlag hat mich wirklich begeistert. Deshalb werde ich zu meinem 60. Geburtstag am 2. September alle Gäste bitten, von Blumen und Geschenken abzusehen und am Eingang des Autohauses für die Orgel in der Wendischen Kirche zu spenden.“
Nachdem die Orgel 1976 verstummt war, konnten ihr Dank der unermüdlichen und uneigennützigen Arbeit der Schlags, vieler Helfer aus Vetschau selbst, und der Orgelbaufirma Voigt aus Bad Liebenwerda im Jahre 2002 wieder die ersten Töne entlockt werden. Voller Rührung erzählt Jürgen Schlag von einem Orgelkonzert, zu dem er seine 30 Freunde aus der Studienzeit vor 40 Jahren hierher nach Vetschau eingeladen hatte. Kein Geringerer als der Organist Martin Stephan aus Westerland, der oftmals auch mit dem Gewandhausorganisten Eisenberg gemeinsam spielte, brachte bei dieser Gelegenheit die Luft zum Schwingen. „Da ging die Sonne auf“ , erinnert sich Gunda Schlag. „Die Orgel muss einfach klingen, sie passt so herrlich in diesen Kirchenraum.“ Und auch deshalb ist die ehemalige Säuglingsschwester mit ihrem Mann immer und immer wieder am Arbeiten. Die Pfeifen aus Kiefernholz müssen noch aufgearbeitet werden. Und schon greift sie wieder zur Holz-Spachtelmasse und beseitigt damit Unebenheiten. Anschließend schleift sie die Pfeife ab und pinselt sie mit einer milden Lasur ein. Sie sehen aus wie . . ., ja wie neu.

Wieder baut ein Voigt mit
„Mitte August wird gestimmt. In der Orgelbauerei Voigt in Bad Liebenwerda werden noch Zinnpfeifen gegossen, denn eine ganze Reihe existierte nicht mehr“ , erzählt Jürgen Schlag und ist fasziniert davon, dass einst der Urgroßvater vom Juniorchef der fast 150 Jahre alten Firma schon an dieser Orgel baute. Arno Voigt hatte seinerzeit bei Schlag & Söhne gelernt und sich hier in der Wendischen Kirche verewigt. Jetzt baue wieder ein Voigt an der Kaltschmidt-Orgel in Vetschau. „Im Dorf Wismar und in Strasburg, auch in Buckow bei Calau, stehen Kaltschmidt-Orgeln, von denen wir uns was abgucken konnten, so dass die Vetschauer Orgel ohne viel Veränderungen aufgearbeitet werden konnte“ , so der Berliner, der sich darüber freut, dass der Denkmalschutz helfen will beim Restaurieren des Gehäuses.
Zum Tag des offenen Denkmals am 12. September hat die Orgel in der Wendischen Kirche ab 19 Uhr ihren großen Auftritt. Zuvor aber, um 15 Uhr, erinnert das Theater im Palais in Berlin mit seinem Gastspiel „Nicht für Bibber und Klimbim“ an Fontane, der vor über 150 Jahren durch den Spreewald reiste. Als kleine kulinarische Beigabe zum Programm gibt es eine „Götterspeise“ nach einem Originalrezept Fontanes.

Hintergund Das Theater im Palais in Berlin
 1991 schlossen sich hinter der Straße unter den Linden, nahe der Deutschen Staatsoper, in Berlin Theaterleute zusammen, um in dem schönen preußischen Palais am Festungsgraben Theater zu spielen. Heute präsentiert sich dieses kleine Theater mit nur 99 Plätzen aber mit umfangreichem Programm - ein Theater mit Charme und Berliner Witz, mit Freude an Spiel und Sprache. Gastspiele führten die Theaterleute bereits nach Brüssel, Paris, Warschau, Stockholm, Helsinki und in deutsche Städte. Unter www.theater-im-palais.de findet der Theaterfreund alles über dieses literarische Kammertheater. Im Spielplan für den Monat September finden sich beispielsweise „Traumbilder“ - ein Heineabend, die „Literarische Gruselnacht Nr. 3“ , „Mit der Hand über'n Alexanderplatz“ über Berlin und seine Geschichte, „Fontane: Nicht für Bibber und Klimbim“ . Schauspielerin Katrin Saß ( „Good by Lenin)“ , die einst auch in Zwietow wohnte, liest am 16. September aus ihrer Autobiografie unter dem Titel „Das Glück wird niemals alt“ .

top