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Natur in der Bergbaufolgelandschaft

Sensationelles Leben auf kargem Land

Seltene Arten in der Bergbaufolgelandschaft FOTO:

Finsterwalde/Lauchhammer. Der Finsterwalder Biologe Ingmar Landeck hat in der Bergbaufolgelandschaft neue und verschollen geglaubte Arten entdeckt.

Ein nur gut einen Zentimeter großer Geselle lebt verborgen im Röhricht des Grünewalder Lauchs, einem früheren Braunkohletagebau bei Lauchhammer. Länger als 40 Jahre wird der saure See als Badegewässer genutzt. Einen Steinwurf vom Strand entfernt zieht der Lappländische Gelbrandkäfer seine Bahnen. Die Art gilt in Brandenburg als extrem selten und ist hier zuvor nur zweimal nachgewiesen worden. Der Finsterwalder Biologe Ingmar Landeck vom Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften (FIB) hat den Käfer mit der braunen Flügeldecke und der namensgebenden gelben Umrandung ausgerechnet in der gefluteten Grube des Tagebaus Plessa-Lauch aufgespürt. „Es handelt sich um eine Art der sauren Moorgewässer“, erklärt Landeck. Die Sensation: Die Käfer leben im Grünewalder Lauch, der kein Moorgewässer, aber sehr wohl sauer ist. Der Finsterwalder Wissenschaftler hat den Dytiscus lapponicus, so die lateinische Bezeichnung des Käfers, erstmals in der Lausitzer Bergbaufolgelandschaft aufgespürt - mit der Wasserfalle eigentlich auf der Suche nach maritimen Lebensgemeinschaften. „Da ist der Lappländische Gelbrandkäfer mit aufgetaucht“, erzählt der Wissenschaftler.

Auch der Gelbbeinige Stachelwasserkäfer steht auf der Liste der Neuentdeckungen des 48-jährigen Biologen. Diese Art hat Ingmar Landeck in einem Kleingewässer im Nordraum des Lausitzer Reviers südlich des Spreewaldes gefunden. Die Freude ist riesig. „Teilweise ist das ein echtes Hochgefühl“, beschreibt Ingmar Landeck die Emotionen des Augenblicks. Sogleich aber erklärt der sympathische Wissenschaftler mit der charakteristischen dunklen Brille, dass das Entdecken neuer Arten eigentlich sein Job ist. Landecks Forschungsgebiet ist die Bergbaufolgelandschaft des Lausitzer Reviers, insbesondere die Gegend zwischen Finsterwalde und Lauchhammer. Dort haben die Bagger der drei Tagebaue Kleinleipisch, Klettwitz und Klettwitz-Nord in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Land komplett umgegraben. Die Bergleute hinterließen einen äußerst vielgestaltigen, mosaikartigen Landstrich. Die Nährstoff- und Störungsarmut hat in den vergangenen Jahrzehnten einen Lebensraum für Arten hervorgebracht, die in der stark vom Menschen genutzten Kulturlandschaft kaum mehr Platz haben.

Ingmar Landeck ist von Kindesbeinen auf mit dieser Gegend verwurzelt. Bereits in seinem Elternhaus, das zwischen Finsterwalde und Pechhütte einsam, dafür mitten im Grünen steht, hat er sich für die Natur interessiert. „Neben bunten Blumen haben mich anfangs vor allem die Tagfalter begeistert“, erzählt der gebürtige Finsterwalder. „Die sehen so farbenprächtig aus“, begründet er. Nach und nach erschloss sich der angehende Wissenschaftler neue Artengruppen, beispielsweise Heuschrecken, holzbewohnende Käfer und Wildbienen. Bereits während seiner Schulzeit durchlief Landeck im Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz, dem heutigen Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften, ein Praktikum. „Ich durfte die Käfer und Spinnen sortieren“, sagt Landeck. Nach dem Studium der terrestrischen Ökologie in Halle (Saale) kehrte Ingmar Landeck ans Finsterwalder Institut zurück. Sein erstes Projekt befasste sich mit der erstmaligen Darstellung der enormen biologischen Vielfalt der Bergbaufolgelandschaft. „Damals war nur rudimentär bekannt, was für eine Perle die alten Tagebaue für unzählige Tier- und Pflanzenarten sind“, betont der Wissenschaftler. Heute seien in der Bergbaufolgelandschaft der Lausitz rund 5000 Arten bekannt, in älteren Lehrbüchern ist noch von 3000 die Rede. Gerade die konkurrenzschwächeren Arten finden trotz der oft kargen Verhältnisse ideale Lebensbedingungen. Es gebe genügend Nahrung, kurze Wege und nicht zuletzt ausreichend Ruhe. Etwa 36 Prozent der bundesweit registrierten wasserbewohnenden Käferarten konnten hier nachgewiesen werden. Darunter ist auch der so seltene Lappländische Gelbrandkäfer, den Ingmar Landeck im Grünewalder Lauch entdeckt hat.

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