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Museumsgalerie in Lauchhammer

Mit Kreativität in die „Restlaufzeit“

Rolf Rainer Kolitz (r.) und Olaf Gedat laden in Lauchhammer in die Museumsgalerie ein.FOTO: Heidrun Seidel

Neu-Lauchammeraner wollen mit einer MuseumsGalerie Leben in einen alten Hof bringen

„Ich bring euch was.“ Friedlinde König-Adam schleppt einen Lüfter die Treppe hinauf. „Du bist so gut zu uns“, wird sie von Rolf Rainer Kolitz und Olaf Gedat herzlich begrüßt. Die beiden Männer gönnen sich gerade eine Zigarettenpause in der gemütlichen Sesselecke im Obergeschoss des einstigen Industriebaus. Die anhaltende Hitze ist auch hier angekommen und macht das Arbeiten schwer. Da kommt so ein Lüfter gerade recht.

Kolitz (73) und Gedat (59) sind im April 2017 von Bernau nach Lauchhammer gezogen und hauchen einem verfallenen Dreiseitenhof am Freiherr-vom-Stein-Platz wieder Leben ein. Soeben hatte Olaf Gedat noch an den zukünftigen Toiletten im Erdgeschoss gezimmert und Rolf Rainer Kolitz einen Stock höher Bilder an die Wand gebracht hat. Die hängen nun dicht an dicht. Kolitz will so viel von seiner Malerei wie möglich zeigen. Schließlich kennen ihn die künftigen Besucher aus Lauchhammer oder Senftenberg noch nicht und sollen schnell einen Eindruck bekommen von dem, was er zu bieten hat.  Im ersten fertigen Raum hängen nun Picassos neben Fernand Léger, AndyWarhol, Käthe Kollwitz oder ganz anderen Künstlern aus völlig unterschiedlichen Epochen. Nachgemalt, versteht sich. „Nicht gefälscht.“ Der feine Unterschied ist  Kolitz wichtig. Er will seine Sichten auf die Kunst der großen Maler zeigen, hat sich deren Methoden und Pinselstriche angeschaut  und die Motive  für sich ausgelegt.   Kolitz ist Autodidakt. 1945 am Steinhuder Meer geboren, in einer Offiziersfamilie geborgen und gut situiert aufgewachsen, hat er schon früh zu malen begonnen und sich für große Künstler interessiert. Deren Biografien liest er, versucht sich an ihren Stilrichtungen – mit denen er gern auch eigene Bilder erschafft. Doch für viele Jahre bleibt das eine Nebenbeschäftigung. Denn er zieht als „einer der ersten Marktschreier“, wie er berichtet, durch die bundesdeutschen Lande und verdient lange Zeit gutes Geld damit. Doch schließlich  mag er dieses aufreibende Leben nicht mehr. Mit Olaf Gedat, seinem Gehilfen oder seiner Geh-Hilfe, wie er ihn scherzhaft nennt,  lebt und arbeitet er seit 30 Jahren „in Harmonie“. In einer Ehe, so meint er und führt Erfahrungen ins Feld, halte der Frieden nicht so lange wie in dieser freundschaftlichen Kollegialität. Gemeinsam haben sie mehr als 20 Jahre im Börnicker Gutshof bei Bernau eine MuseumsGalerie betrieben, erzählen die beiden Männer. Dort habe es neben Ausstellungen auch Konzerte, Lesungen und besondere Feste gegeben. In einer einem Museum ähnlichen Schau haben sie unzählige Sammlerstücke von der Schreibmaschine aus der Kaiserzeit bis zu den ersten Computern – gezeigt, Kulissen und Märchenfiguren für Kinderfeste gebaut und auch verliehen. Vieles ist davon mitgereist in das neue Lauchhammeraner Zuhause und soll, wenn das Erdgeschoss des Hauses wieder hergerichtet ist, auch als Relikte aus einer längst vergangenen Zeit zu sehen sein.

Für den Hof, so berichten sie, haben sie sich über Nacht entschieden, nachdem ihre Museumsscheune auf dem Gutshof Börnicke eine neue Bestimmung bekommen sollte und sie ihn verlassen mussten. Das Anwesen am Freiherr-vom-Stein-Platz 6 in Lauchhammer habe seit der Wende leer gestanden. Der Raumkunst-Betrieb, in dem hier einmal Kleinmöbel angefertigt wurden, ist längst Geschichte – und die Häuser des Drei-Seiten-Hofes verfielen und wären, hätte sich jemand gefunden, abgerissen werden können. „Wir konnten durch das Dach den Himmel sehen“, beschreibt Olaf Gedat (59) den Zustand. Er ist der Handwerkliche der symbiotischen Gemeinschaft und  gelernter Zimmermann. Seit beide am 1. April 2017 hier eingezogen sind, hat er das Dach des einstigen Produktions- und Bürogebäudes wieder geschlossen, die Innereien ausgemistet und im Obergeschoss einen Ausstellungsraum für die Bildergalerie samt Veranstaltungsraum mit Bar hergerichtet.  Wer vor den Gebäuden steht, sieht sofort: Hier ist noch jede Menge zu tun. Doch das entmutigt die  beiden Männer nicht. Im Gegenteil: Es spornt sie an. Kunst gegen Abriss scheint ihre Maxime – und sie tun damit jungen Künstlern gleich, die sich mit kreativen Ideen in ostdeutschen Kleinstädten dem Leerstand und Verfall widersetzen.  Nur ihre Zielgruppe ist meist ein wenig älter. Denn einerseits wollen sie jenen, die sich wie Kolitz als Autodidakten der Malerei verschrieben haben, Ausstellungmöglichkeiten bieten. „Ich finde es schade, wie sie oft von manchen Künstlern behandelt und herabgewürdigt werden“ sagt er, denn „Kunst muss den Leuten gegeben sein“.  Am Freiherr-vom-Stein-Platz sollen jene „versteckten Künstler“  ihre Bilder zeigen können. Dafür will er einen Kunst-Kultur-Verein ins Leben rufen. Zum anderen soll die neue MuseumsGalerie, wie sie sich nennt, insbesondere für ältere Besucher ein Treffpunkt werden.  Kolitz hat den Leerstand in der Region bemerkt wie auch die Einsamkeit vieler Menschen seiner Generation. „Es kann doch nicht sein, dass der Fernseher ihr einziger Gesprächspartner bleibt, Menschen sich aufgeben, in Jogginganzug oder Kittelschürze vor sich hin dämmern.“  So bietet er Raum dafür, „unsere gemeinsame Restlaufzeit mit dem Schönen zu verbringen“. Dazu gehören für ihn gute Gespräche über Kunst und Kultur, Literatur, aber auch über Erlebtes und Erfahrenes. „Die Besucher sollen als Menschen wieder etwas wert sein.“ Das große Geld wolle er damit nicht verdienen, sondern ohne Not auskommen und anderen Menschen eine Freude machen. Die Baumetarialien habe sich das Gespann vom Munde abgespart. Friedlinde König-Adam gefallen die Visionen der neuen Lauchhammeraner. Als sie das erste Mal von ihnen gehört hatte, wollte sie nur mal kurz reinschauen, wer da in die Stadt, aus der sonst eher Menschen weggehen, gekommen ist. „Dann haben wir mehr als drei Stunden geredet – und ich habe mir gesagt, dafür rühre ich die Trommel“, berichtet die nach zwanzig Jahren aus Kassel in die Heimat zurückgekehrte Frau. Dort hatte sie eine Werbefirma, die jetzt ihr Sohn übernommen hat, aufgebaut. In Lauchhammer betreibt sie noch immer ein kleines Kindermodengeschäft, und sie kümmert sich um den Nachlass des Lauchhammeraner Künstlerpaares Heinz-Karl und Irene Kummer.  Daher weiß sie auch, dass Ideen und Anspruch ihrer neuen Bekannten  nicht leicht umzusetzen sein werden.  „Aber geht nicht – gibt’s nicht“, so die Lebensphilosophie, die ihnen gemeinsam ist.

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