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Immer geht es doch irgendwie weiter

Annekathrin Bürger: Die Schauspielerin las am Mittwoch im Haus des Buches aus ihrem im Droemer-Verlag erschienenen Buch „Der Rest, der bleibt“ .FOTO: Michael Helbig

Seit Wochen prangte auf dem Ankündigungsplakat der Aufkleber „Ausverkauft“ . Die Schauspielerin Annekathrin Bürger las am Mittwoch im Haus des Buches in der Sprem aus ihrer Autobiografie. Der Titel „Der Rest, der bleibt“ und der Untertitel „Erinnerungen an ein unvollkommenes Leben“ . Das klingt nach Pessimismus und so, als wären auch ihr Leben und ihre Ideale „ausverkauft“ und ohne Chance auf Neuauflage vergriffen.

Die über 200 Besucher erlebten indes eine Künstlerin, die nichts von ihrer Ausstrahlung verloren hat. Annekathrin Bürger machte aus der Buch vorstellung eine theaternahe Vorstellung , die so richtig die Vorstellung von einer Frau mit Charme und Zivilcourage in der DDR und auch noch heute vermittelte. Wie nebenbei sagte sie nach ihrer Lesung einen Satz, der ihr Leben begleitet: „Immer geht es doch irgendwie weiter.“ Sie hat diese Erfahrung für sich gemacht und lässt sie auch anderen zugute kommen
Sie las und las an diesem Abend, souverän und mit dem Gespür für Wirkungen. Natürlich hatte sie nicht vergessen, ihre Mit-Autorin Kerstin Decker zu erwähnen, die Journalistin, Reporterin, Kolumnistin, die, in „dritter Person“ schreibend, den Blick auf die Schauspielerin wirft. Sie hat die Worte zur Verfügung, Handlungen, Beweggründe, Konflikte hervorzuheben, manches sichtbar zu machen, was im Alltag unsichtbar bleibt. Annekathrin Bürger hat Briefe, Gedanken, Emotionen in der Ich-Perspektive hinzugefügt. Dieser Perspektivwechsel gibt der Biografie einen besonderen Reiz.

14 000 wollten Uschi sein
Ja, es ging, um ihren Lebenssatz aufzunehmen, für sie weiter. Auch als sie, gelernte Gebrauchswerberin und danach Bühnenbildassistentin und Requisiteurin, durch die Aufnahmeprüfung zur Schauspielschule gefallen war. Sie war auch nicht am Boden zerstört, als DEFA-Regisseur Gerhard Klein unter 14 000 Bewerberinnen eine Uschi für seinen Film „Eine Berliner Romanze“ suchte, niemanden fand und auch die damals „dicke und pummelige“ Berlinerin nicht nahm. Die geriet, durch ihren Vater vermittelt, in einen deutsch-tschechischen Dokumentarfilm an der Ostsee. Als der gedreht wurde, spielte der Zufall Personalleiter und ließ sie Klein und dessen (später auch berühmten) Assistenten Heiner Carow nochmal treffen. Man sieht sich im Leben eben immer zweimal. Langsam gewann der Regisseur, der auf seiner Suche schon zu verzweifeln begann, die Einsicht, dass diese Annekathrin doch eine akzeptable und passable Uschi ist.
Die Uschi war der Anfang für eine Karriere, in der Annekathrin Bürger zum ersten weiblichen Star der DDR wurde, die doch geglaubt hatte, ohne Stars auszukommen. Die Titel von Kino- und Fernsehfilmen wie „Verwirrung der Liebe“ , „Fünf Tage - fünf Nächte“ , „Königskinder“ , „Wolf unter Wölfen“ , „Hostess“ , „Mit mir nicht, Madam!“ , „Tecumseh“ erhielten durch ihren Namen in der Besetzungsliste zusätzliche Resonanz. Viele Rollen hat ihr der Schauspieler und Regisseur Rolf Römer auf den Leib geschrieben, mit dem sie 39 Jahre lang bis zu seinem grässlichen Unfalltod im heimischen Garten 2000 verheiratet war.
Dass die DEFA sie als willkommenes Aushängeschild betrachtete, geht aus einem Kapitel hervor, das dem Moskauer Filmfestival 1961 gewidmet war. Dort stieg sie ein in die große Filmwelt, begegnete Liz Taylor, Gina Lollobrigida, Tatjana Samoilowa, Grete Weiser. Genoss den Glanz und blieb, die sie war: die, andere Angebote missachtend, nach Senftenberg gegangen war, um mit anderen die Theaterkunst zu den Bergleuten zu bringen.
Danach - ab 1963 - gehörte sie bis 2002 zum Theaterensemble der Volksbühne Berlin. Es war bei der Bühnenkünstlerin beeindruckend, wie sie ihre Rolle spielte, lebensnah, tiefgründig, nuancenreich. Im Leben selbst sinnierte sie, was eine Rolle spielt. Wenn der Satz galt „Immer geht es doch irgendwie weiter“ , mussten dafür Voraussetzungen geschaffen werden. Engagement, Tatkraft, Zivilcourage, Mut spielten eine Rolle. So rettete sie das Museum der Charlotte von Mahlsdorf, der Frau, die als Junge zur Welt gekommen war, 1974 vor der Schließung. 1981 wies sie die Regierung auf den großen Frevel hin, den der Abriss des Dresdner Barockpalais' bedeutet hätte.
Im Buch ist zu lesen, wie sie einen Brief an Honecker zu diesem Thema schrieb und um jede Formulierung rang - erfolgreich.

Sie öffnete Türen und Köpfe
Mit ihrer Unterschrift protestierte sie gegen die Biermann-Ausbürgerung, und auch für Manfred Krug setzte sie sich ein. Es ist fast ein Phänomen zu nennen, wie viele Türen und Köpfe sie öffnete, die anderen verschlossen waren. Sie liebten, Mächtige und Ohnmächtige, die Frauen, die sie verkörperte, in Film, Bühne und Leben bestach sie durch ihre Ehrlichkeit. Ist es nur noch ein Rest, der bleibt, und war es ein unvollkommenes Leben, wie im Untertitel des Buches benannt? Titel blinzeln uns mitunter mit ironischen Augen an. Diese hier wohl auch.

Neue Chance im Fernsehen
Auch nachdem Annekathrin Bürger in der Volksbühne „aussortiert“ war und der Sodann-Tatort zu Ende geht, gilt: „Immer geht es irgendwie weiter“ . Vor Kurzem haben bei der ARD die Dreharbeiten zu einer 13-teiligen Hauptabendserie „Die Stein“ für 2008 begonnen. Katja Stein (Julia Stemberger) ist Lehrerin in einer malerischen Ecke Brandenburgs.
Annekathrin Bürger spielt mit Klaus Manchen ein älteres Ehepaar, das indirekt mit täglichen Schulproblemen konfrontiert ist.
Auch die Berliner Volksbühne hat sich an Annekathrin Bürger erinnert. Unter der Regie Frank Castorfs entsteht eine Gemeinschaftsproduktion dieses Theaters mit drei internationalen Festivals. Castorf inszeniert das Stück „Nord“ des französischen Autors Louis-Ferdinand Céline, um es im Juli und Juli in Wien, Avignon und Athen aufzuführen.
Sie steht im Leben, diese Annekathrin Bürger, und hat sich ihre Sensibilität für die Beobachtung dieses Lebens erhalten. Sie ist besorgt um manchen Trend der internationalen Entwicklung.
„Und weil das so ist, bin ich zugleich froh, dass sich offensichtlich so viele Menschen zum friedlichen Widerspruch an die Adresse des G-8-Gipfels bereit sind.“ Menschen müssen wirken, einzeln und zusammen, so finden sie Wege, die weiterführen.

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