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Cottbus

Ferdinand als absoluter Punk

Boris Schwiebert zwischen „Kabale und Liebe“ in der Rolle des Ferdinand. FOTO: Marlies Kross

Cottbus. Schillers berühmtes Drama „Kabale und Liebe“ hat am Sonnabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus Premiere. Boris Schwiebert spielt einen Ferdinand, der auch gern mal aus der Rolle fällt.

In der Nacht hat Boris Schwiebert geträumt, er würde den Ferdinand nackt auf die Bühne bringen. „Aber nein. Dieser Ferdinand ist zugeknöpft bis auf die Halskrause“, lacht der Schauspieler. Dabei mache er sich durchaus nackig, in dem er all seine Verrücktheiten ausleben kann. Schon als Gymnasiast verrückte Schwiebert gern das Gewohnte. Drippelte in Frauenklamotten auf dem Schulhof auf, mit Schminke und so. Jeden Tag war er ein anderer. „Mein Versuch, offene Münder zu erzeugen“, erinnert er sich. „Als Punk begehrte er gegen die Spießigkeit in diesem Gymnasium in Berlin Grunewald auf, wo man schon mit 18 mit dem eigenen Auto vorfuhr und Krawatte trug.

Bereits damals fühlte er einen starken künstlerischen Drang, auf der Bühne des Lebens das Spektrum unterschiedlicher Möglichkeiten aufzuzeigen und Akzeptanz dafür einzufordern. Sein Beruf ermöglicht es ihm heute, all das auszukosten. „Es geht um das Recht, so zu leben, wie man leben will. Wenn ich nicht am Theater wäre, wäre ich vielleicht immer noch der Punk“, vermutet der 47-Jährige, der mit seiner Frau und drei Kindern in Dresden wohnt. Noch. Denn eigentlich zieht es die Familie in die Lausitz. „In Cottbus habe ich das Gefühl, noch stärker an meine Berliner Heimat herangerückt zu sein“, gesteht Schwiebert, der nun in der zweiten Spielzeit fest zum Ensemble des Staatstheaters gehört.

Dass sein Ferdinand in Cottbus als Punk daherkommt, kann also nicht verwundern. „Regissieur Jo Fabian gibt mir Gelegenheit, meinen Hang zu Verrücktheiten einzubringen und lustvoll auszuspielen. Dieser Ferdinand ist ein Filou, naiv, ausgeflippt und frech genug, die pure Liebe zu leben. Und er ist Punk genug, um auf alle Konventionen zu pfeifen“, sagt Schwiebert. Das Facettenreiche reizt ihn: „Einerseits stürzt er sich Hals über Kopf in diese Liebe zu Luise, lehnt sich auf gegen starre Strukturen des Adels. Andererseits fordert er die bedingungslose Liebe, führt sich selbst auf wie ein absolutistischer Herrscher“, sinniert Schwiebert. Unermessliche Eifersucht, der Druck des Vaters, Rache- und Hassgefühle treiben Ferdinand in den Wahnsinn, lassen Gewaltgedanken sprießen. „Das ist nicht weit weg. Junge Leute geraten auch heute unter Anpassungsdruck, erleben, wie Familien deformiert werden. Sie stellen sich Fragen: Wie will ich leben? Wie gelingt es, die auferlegten Fesseln loszuwerden?“ Andererseits erlebten sie starke Gefühle, die erste Liebe. „Ich sehe an meinem eigenen 17-jährigen Sohn, wie filigran und empfindsam sie ist. Es wäre fatal, gäbe ich als Vater da zu viele Ratschläge“, glaubt Boris Schwiebert.

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