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Ein Leben auf zwei Rädern

Starke Frau hat kein Glück

Andrea HilscherFOTO: LR / Sebastian Schubert

Sie heißt Olga, und sie erlebt, vor allem erduldet viel in diesem Roman des Bestseller-Autors Bernhard Schlink. Olga kommt 1883 als Tochter eines deutschen Vaters und einer polnischen Mutter 1883 in Breslau zur Welt, wächst nach dem frühen Tod der Eltern bei der deutschen Großmutter in Pommern auf und lernt dort schon früh den kleinen Herbert kennen, dessen Schicksal sie bis zu ihrem Tod 80 Jahre später begleiten wird.

Olga, eine starke und doch glücklose Frau, geht als Lehrerin ins ostpreußische Memelgebiet, flieht nach dem Zweiten Weltkrieg nach Heidelberg, wo sie 1971 stirbt. Diese Olga Rinke hat also vier Gesellschaftssysteme durchlebt, und die Erfahrungen des ersten spielen noch in die Umstände ihres Todes im vierten hinein.

Seit seinem ersten Buch, dem Roman Selbs Justiz, spielt Schlink mit den Flüchen der Vergangenheit: Das Individuum ist den Läufen der Zeit ausgeliefert, das Leben geprägt von Systemen, zumal von diktatorischen. Der erste Teil, der die Jahre bis in die frühe Heidelberger Zeit umfasst, ist aus Sicht eines allwissenden Erzählers vorgetragen, der zweite über Olgas Tod hinaus dann aus der Ich-Perspektive eines mehr als ein halbes Jahrhundert jüngeren Pfarrersohns, für dessen Familie die Flüchtlingsfrau als Näherin arbeitet. Zwischen Olga und dem jugendlichen Ferdinand entwickelt sich ein intimes Vertrauensverhältnis, eine aus „Der Vorleser“ bekannte wechselseitige Faszination zwischen jungem Mann und älterer Frau, dieses Mal allerdings ohne erotische Komponente. Im dritten Teil dann kommt Olga noch einmal direkt zu Wort, in ihren Briefen, die zurückführen bis ins Jahr 1913 und gerichtet sind an ihre große Liebe. Herbert, der Abkömmling eines wohlhabenden pommerschen Gutsbesitzers, den es aus seinem vorgebahnten Leben ins Abenteuer treibt und der letztlich sein Leben auf einer leichtsinnigen Expedition verliert. Schlink spielt hier mit literarischen Traditionen, verlässt seinen geschätzten schnörkellosen und doch treffenden Ton und findet dabei zu neuen Ausdrucksformen, die neugierig machen auf eine Fortsetzung.

Bernhard Schlink: Olga. Roman. Diogenes, 311 Seiten, 24 Euro.FOTO: Diogenes
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