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Gundermann

Wie sich Ost und West näher kommen

Thomas Klatt FOTO: MOZ Gerd Markert

Cottbus. Sechs Lolas für den Film „Gundermann“ von Andreas Dresen. Eine Betrachtung von Moz-Kulturredakteur Thomas Klatt.

Sechs Lolas – wer hätte das gedacht! Der Film von Laila Stieler und Andreas Dresen hat am Freitagabend so viele Preise Nachhause gefahren wie kein anderer. Das Ungewöhnliche daran: Es ist kein schöner Film im herkömmlichen Sinne; im Gegenteil: Er spielt in den Schmuddelecken des Landes und es mangelt ihm nicht an dem, was mancher gern als Schmuddelthema ansieht.
Der Film ist größtenteils im Braunkohlerevier der Lausitz verortet, wo Gundermann als Tagebaukumpel den „Feuerstein“ in zerstörerischer Weise aus der Erde grub und zugleich im Inneren ein Grüner war, obwohl es in der DDR diese Partei gar nicht gab. Gundermanns Leben war mehrschichtig in vielerlei Hinsicht. Er war Arbeiter und Liedermacher zugleich, war Offiziersbewerber und flog bei der NVA raus. War Mitglied der SED, wo ihn die Genossen bald nicht mehr wollten. Ebenso wie er informeller Mitarbeiter der Stasi war und zudem eine Opferakte hatte. Laila Stieler hat diesen Konflikt zugespitzt: Stasi oder Conny. (Seine Frau). Lüge oder Liebe!
Diese Art von Widersprüchen muss die Filmakademie beeindruckt haben. Vielleicht weil so viel Lebenslust und Lebensfrust in einem 42-jährigen Leben, das in der Mittsommernacht 1998 abrupt endete, doch so oft nicht vorkommen. Dieser Film atmet den Osten, vielleicht weil alle Mitspieler das Leben hier kennen. Dresen war eine Zeitlang durch seinen Film „Halbe Treppe“ mit der Stadt Frankfurt (Oder) verbunden. Seine Mutter und sein Ziehvater, Christoph Schroth, arbeiteten am Cottbuser Staatstheater, wo Schroth als Intendant mit den „Zonenrandermutigungen“ Theatergeschichte schrieb. Drehbuchautorin Laila Stieler und ihr Mann, der Buchautor Andreas Leusink, wohnen in der Uckermark. Stieler ist die Tochter des Ehepaars Barbara und Winfried Junge, deren Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ noch immer Spät- und Auswärtsgeborenen empfohlen sei, die wissen wollen, wie die DDR war. Und Hauptdarsteller Alexander Scheer hat mit seinem Freund Kai-Uwe Kohlschmidt und der Band Sandow in Berlin und am Schwielochsee in verschiedenen Musik-und Text-Projekten gearbeitet.
„Gundermann“ ist inzwischen auch international zu einem gefragten Film geworden. Für den Osten bedeuten diese sechs Preise eine neue Art von „Zonenenrandermutigung“. Andreas Dresen hat recht: Wenn wir uns in Ost und West unser Leben unvoreingenommen erzählen, uns gegenseitig zuhören, werden wir uns auch näher kommen.

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