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Lausitzer Geschichte

Gut Kirschen essen mit Kollege RAF

Ralf Korpjuhn hat im Syntheswerk Schwarzheide jahrelang mit Manfred Janssen alias Werner Lotze zusammengeabeitet. In einem verblichenem Heftchen zeigt Korpjuhn einen Eintrag aus dem Jahr 1987. Demnach ist Janssen damals mit der Auszeichnung „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ geehrt worden. 70 DDR-Mark Prämie, die hier akkurat protokolliert sind, gab es dafür. FOTO: Jan Augustin / LR

Senftenberg/Cottbus. Mit Blut an den Händen sind Mörder einer linksextremen Guerilla aus dem Westen in der DDR untergetaucht, drei in der Lausitz. Vor nunmehr 20 Jahren hat die Rote Armee Fraktion (RAF) ihren Terror schließlich für beendet erklärt.

August 1981: Ralf Korpjuhn kommt nach drei Monaten von seinem Armee-Reserve-Dienst zurück. Als Meister in der Produktion des Synthesewerkes Schwarzheide soll er eine Mannschaft für eine neue Anlage ausbilden. Ein Arbeitsgespräch findet statt. Im Raum sitzt ein neuer Mitarbeiter: Manfred Janssen, vor Kurzem eingestellt als Kraftfahrer. „Ich wusste, dass er aus der BRD rübergekommen war“, erinnert sich der heute 68-Jährige. Mehr Details sind dem jungen Ralf Korpjuhn zum damaligen Zeitpunkt nicht bekannt.

Manfred Janssen ist Werner Lotze, der ein gutes Jahr zuvor mit sechs weiteren RAF-Mitgliedern in die DDR eingereist ist. Im Forsthaus Briesen bei Frankfurt/Oder, dem Objekt 74 des Ministeriums für Staatssicherheit, sind sie mehrere Wochen lang von Stasi-Experten für das Leben im Arbeiter- und Bauern-Staat geschult worden. Im Vokabular der offiziellen Parolen bis zum korrekten Sächseln. Von den gefälschten Schulzeugnissen bis zur Geburts- und Heiratsurkunde. Wohnungen und Arbeitsplätze haben die kampfmüden Terroristen Werner Lotze und Christine Dümlein, seine Frau, nun als biedere neue Ostbürger Katharina und Manfred Janssen nach Senftenberg geführt. Sie beginnt als Sekretärin in der Berufsschule des Synthesewerkes Schwarzheide zu arbeiten.

Auf dem Wohnzimmertisch des Einfamilienhauses in Arnsdorf von Ralf Korpjuhn liegen aufgeschlagen zwei Originalausgaben vom Spiegel und vom Stern. Vom Juni 1990. „Familienglück in der DDR-Nische“ titelt der Stern. Es ist einer der ersten Artikel nach der Verhaftung von Werner Lotze in Senftenberg. Ein privates Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn in Jeans und kariertem Hemd - wie er mit einem Bierglas in der Hand den Feierabend in seiner Wohnung zu genießen scheint. Genau so hat ihn auch Ralf Korpjuhn bis dahin gekannt und noch immer vor Augen, nur unter anderem Namen. „Das war eine gewisse Fassungslosigkeit, dass mein Kollege Janssen der international gesuchte Terrorist Lotze gewesen sein soll. Ich konnte das nicht begreifen“, beschreibt Ralf Korpjuhn den Moment, als die große Lüge aufflog.

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