ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
Lausitzer Geschichte

In Flammen für die Freiheit

Der Karikaturist Alois Kuhn saß erst nach Greiffendorfs Selbstverbrennung selbst im Cottbuser Gefängnis, hat aber später aus Augenzeugenberichten diese Zeichnung angefertigt.FOTO: Christine Faust Verlag

Cottbus. Vor 40 Jahren zündete sich der Cottbuser Häftling Werner Greiffendorf an und starb an einem 9. November.

Cottbus „Mama, ich will frei sein!“ Diese Worte schallten im Herbst 1978 über den Freihof des Gefängnisses in der Bautzener Straße in Cottbus. Sie kamen aus dem Mund von Werner Greiffendorf. Es sollten seine letzten verständlichen Worte sein. Denn in dem Augenblick, in dem sie über seine Lippen kommen, hat sich der damals 28-jährige gebürtige Döberner schon mit 500 Milliliter Perladin, einem Verdünnungsmittel für Lackfarben, übergossen und angezündet. Aus Verzweiflung sagen die einen, die „Tat eines Wahnsinnigen” nennt es das Wachpersonal in Berichten über den Vorfall.

Werner Greiffendorf saß wegen eines Fluchtversuchs aus der DDR im Cottbuser Gefängnis. Er war 1977 in der Tschechoslowakei geschnappt worden. Nicht zum ersten Mal. Zwischen 1967 und 1976 hat er mehr als sechs Jahre hinter Gittern verbracht. Auch hier ist ein gescheiterter Fluchtversuch einer der Haftgründe. Zuvor hatte Greiffendorf kein einfaches Leben. Sylvia Wähling, die Geschäftsführerin des Menschenrechtszentrums im ehemaligen Cottbuser Gefängnis, kennt Berichte der DDR-Staatssicherheit zu dem Häftling. Dort ist von vielen Jahren in unterschiedlichen Kinderheimen die Rede, weil sich die Eltern getrennt haben. Der Vater lebt anschließend in Westdeutschland. „Später hat Greiffendorf eine Lehre als Maler abgebrochen“, so Sylvia Wähling. Er und seine Mutter lebten damals in Riesa. Er arbeitet als Lagerist und Losverkäufer, als er den zweiten verhängnisvollen Fluchtversuch über die Tschechoslowakei plant. Das Scheitern bringt ihm eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten ein. Als am 19. Oktober 1978 die Schmerzensschreie über den Cottbuser Knasthof schallen, hat Greiffendorf schon mehr als die Hälfte der Zeit abgesessen. Im November 1979 wäre er entlassen worden. Spätestens. Denn viele DDR-kritische Häftlinge sind aus Cottbus in den Westen verkauft worden. Nach Einschätzung der Stasi wollte auch Greiffendorf mit seiner Tat seine Ausreise in die Bundesrepublik erzwingen. Einen „Suizidversuch“ können die DDR-Geheimdienstler in der Selbstverbrennung nicht erkennen.

Doch die größte Sorge der Stasi ist, dass die Tat im verachteten Westen bekannt wird. 1975 hatte DDR-Staatsratschef Erich Honecker im finnischen Helsinki im Rahmen der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ eine Erklärung unterschrieben, die die teilnehmenden Länder unter anderem zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten verpflichtet. Da passen Schlagzeilen über eine Selbstverbrennung eines DDR-Kritikers der SED-Regierung nicht ins Bild. Doch wie kann ein schnelles Bekanntwerden der Tat verhindert werden? Auf dem Freihof befanden sich zum Zeitpunkt von Greiffendorfs Selbstverbrennung 62 weitere Gefangene. Bernd Schölzel war vor 40 Jahren ebenfalls wegen einer gescheiterten Flucht aus der DDR in Cottbus eingesperrt und erinnert sich: „Wir waren noch nicht ganz auf dem Freihof und warteten an einer Tür, als draußen auf einmal ein Tumult losbrach. Zuerst konnte ich nicht erkennen, warum. Aber dann sah ich, dass ein Mensch in Flammen stand. Es ist erschreckend, dass man so etwas mit ansehen muss.“

top